Ist eine Brandmauer wirklich die Lösung?

Wann fängt Ausgrenzung an? Wo hört sie auf? Und geht es uns eigentlich noch um die Sache oder nur noch darum, wer das richtige Parteibuch hat?

Die Diskussion um die sogenannte Brandmauer beschäftigt mich. Ziehen wir damit wirklich die richtigen Grenzen? Oder sorgen wir vielleicht ungewollt dafür, dass die Gräben in unserer Gesellschaft immer tiefer werden?

Eines möchte ich ganz klar sagen: Ich möchte niemals erleben, dass sich der Holocaust in Deutschland wiederholt. Antisemitismus, Menschenfeindlichkeit und Extremismus dürfen niemals verharmlost werden. Wir müssen alles daransetzen, wachsam zu bleiben und unsere demokratischen Werte zu verteidigen. Daran gibt es für mich nichts zu rütteln.

Aber bedeutet das, dass eine Brandmauer immer die richtige Lösung ist? Oder sollten wir nicht auch darüber nachdenken, wie wir mit Menschen umgehen, die anders denken als wir?

Ich war schon immer eine der Ersten, die für ihre Mitmenschen auf die Straße gegangen ist, wenn ihnen Unrecht widerfahren ist. Denn ich weiß aus eigener Erfahrung, wie "beschissen" es sich anfühlt, ungerecht behandelt zu werden. Deshalb war ich selbst in der Friedensbewegung aktiv. Heute nutze ich das Internet, um auszusprechen, was mich bewegt, und meine Stimme zu erheben, wenn mir etwas wichtig ist.

Als Coach weiß ich, wie wichtig es ist, auch Menschen zuzuhören, die anders denken als ich. Das bedeutet nicht, dass ich alles gutheiße, was andere sagen oder tun. Aber ich möchte wissen, warum Menschen bestimmte Ansichten vertreten. Denn nur wenn wir zuhören, können wir nachfragen, hinterfragen und widersprechen.

Und genau deshalb frage ich mich: Machen wir aus politischen Gegnern durch Ausgrenzung vielleicht sogar ungewollt Märtyrer?

Was passiert, wenn wir Menschen die Möglichkeit nehmen, ihre Meinung zu äußern? Geben wir ihnen damit nicht möglicherweise genau die Bühne, die sie brauchen, um sich als Verfolgte darzustellen?

Haben wir vielleicht Angst davor, dass ein politischer Gegner uns verhöhnt oder provoziert? Sicher, das wäre nicht in Ordnung. Aber ist es nicht auch ein Vorurteil, ihm von vornherein zu unterstellen, dass genau das passieren wird?

Warum hören wir nicht erst einmal zu? Was hat er zu sagen? Grenzen müssen selbstverständlich dort gesetzt werden, wo demokratische Regeln verletzt oder Menschen angegriffen werden – sei es verbal oder, im schlimmsten Fall, auch körperlich. Wenn demokratische Regeln verletzt oder Menschen angegriffen werden, kann und werde ich das nicht tatenlos akzeptieren.

Wie wollen wir Menschen erreichen, die diese Partei wählen, wenn wir ihnen nicht die Möglichkeit geben, sich selbst ein Bild zu machen?

Ich frage mich, was Menschen mehr zum Nachdenken bringt: wenn sie sehen, dass einem Politiker die Tür vor der Nase zugeschlagen wird, oder wenn sie selbst hören, was er zu sagen hat um sich dadurch eine eigene Meinung bilden zu können?

Denn nicht jeder, der eine bestimmte Partei wählt, wird sich durch Ausgrenzung davon überzeugen lassen, dass seine Entscheidung falsch war. Vielleicht fühlt er sich dadurch sogar noch mehr in seiner Haltung bestätigt. So werden die Gräben möglicherweise tiefer, statt dass wir versuchen, sie zu überwinden.

Warum wenden sich Menschen politischen Extremen zu? Was bewegt sie? Wo fühlen sie sich nicht mehr gehört? Der Umgang miteinander ist aus meiner Sicht rauer geworden. Natürlich wurde schon immer gestritten und provoziert. Aber können wir heute noch zwischen einem politischen Gegner und einem persönlichen Feind unterscheiden?

Ich möchte nicht, dass wir irgendwann nur noch mit Menschen reden, die ohnehin unserer Meinung sind. Wir sollten wieder lernen, Widerspruch auszuhalten und uns auch mit Ansichten auseinanderzusetzen, die uns nicht gefallen. Auf Augenhöhe, mit Respekt und ohne diese überhebliche Arroganz, mit der manchmal so getan wird, als hätte nur die eigene Seite die Weisheit für sich gepachtet.

Diese innere Stärke wünsche ich mir für uns alle. Und ich weiß, dass genau das manchmal ganz schön anstrengend sein kann. Aber eine verschlossene Tür ist kein Gegenargument. Und wer Menschen überzeugen möchte, muss sich mit dem auseinandersetzen, was er ablehnt.

Ich bin nicht der Meinung, dass man jeden Vorschlag unterstützen muss, nur weil man sich für einen offenen Dialog einsetzt. Aber ich frage mich, ob wir manchmal so sehr mit politischen Abgrenzungen beschäftigt sind, dass die eigentliche Sache aus dem Blick gerät.

Müssen wir inzwischen bei jeder Entscheidung zuerst darauf schauen, von welcher Partei ein Vorschlag kommt? Oder sollte es nicht vielmehr darum gehen, ob eine Entscheidung sinnvoll ist und uns als Gesellschaft voranbringt?

Ich denke dabei beispielsweise an den Bau einer neuen Schule. Sollten wir einen Vorschlag allein deshalb ablehnen, weil er von der falschen politischen Seite kommt oder unterstützt wird?

Können wir uns diesen Luxus wirklich erlauben?

Ich bin parteilos und erlaube es mir, selbstständig zu denken, kritisch zu hinterfragen und mir meine eigene Meinung zu bilden. Nur weil ich unbequeme Fragen stelle, möchte ich mich nicht automatisch einer politischen Seite zuordnen lassen.

Ich weiß, dass ich mit meiner Haltung und Offenheit gerade als Coach anecken kann. Vielleicht werden manche meine Gedanken missverstehen oder mir Dinge unterstellen, die ich gar nicht meine. Aber genau das ist doch ein Teil des Problems: Wir unterstellen einander zu schnell etwas, statt erst einmal nachzufragen. Wir urteilen, bevor wir zuhören, und grenzen aus, bevor wir versucht haben, miteinander ins Gespräch zu kommen.

Wir sollten uns alle hin und wieder fragen, ob wir wirklich bereit sind, unsere eigene Haltung kritisch zu hinterfragen. Ich bin nicht dafür, Menschenfeindlichkeit zu tolerieren. Ich bin dafür, kritisch zu denken und nicht jede vorgegebene Meinung ungeprüft zu übernehmen. Nur weil viele etwas sagen oder eine bestimmte Haltung vertreten, muss es noch lange nicht richtig sein.

„Nie wieder“ ist für mich nicht nur eine Erinnerung an die Vergangenheit, sondern ein Auftrag für unsere Gegenwart und Zukunft.

Ich möchte für Menschen einstehen, wenn ihnen Unrecht geschieht, und den Mut haben, Fragen zu stellen, selbst wenn sie unbequem sind oder nicht jedem gefallen. Ich möchte, dass wir wieder stärker auf das schauen, was Menschen sagen und tun, und weniger darauf, welcher politischen Seite sie angehören.

Denn eine starke Demokratie braucht für mich beides: klare Grenzen gegenüber Menschenfeindlichkeit und den Mut, miteinander im Gespräch zu bleiben.

Wir müssen nicht einer Meinung sein. Aber wir sollten wieder lernen einander zuhören, bevor wir verurteilen.

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